Archiv für die Kategorie 'Lisabriefe FAM24'

»Zu Weihnachten wurde Jesus geboren«

Letztes Jahr um diese Zeit startete die Katholische Kirche in Österreich eine Kampagne, um die Bevölkerung daran zu erinnern, warum wir Weihnachten feiern. Obiger Satz, dieser vermeintlich klare, historisch nicht belegte »Fakt«, sprang Lesern von Plakatwänden ins Auge. Um unser Gedächtnis aufzufrischen? Oder um aus der Glaubens- oder auch Wirtschaftskrise zu helfen? Im 21. Jahrhundert erklärt uns die Wissenschaft unsere Herkunft und Naturkatastrophen, wir haben neue Götter wie Barack Obama oder Tokio Hotel. Religion erscheint überflüssig, wie ein Relikt aus Zeiten der  Unwissenheit, oder wird mit Terror, Gewalt und Diskriminierung verschiedener Gruppen verbunden. Das Fundamentale der meisten Religionen, die Nächstenliebe, ist in unserer Ellenbogengesellschaft eher zum Hindernis geworden. Zur Weihnachtszeit besinnen wir uns, hören »Oh du Fröhliche«, dekorieren die Wohnung mit Engelchen und kurbeln die Wirtschaft an. Nach Weihnachten fällt dann wieder das Schlagwort »Werteverfall« in den Medien. Geht dieses gefährliche, unleugbare Phänomen mit der Tatsache einher, dass Religion in unserer Kultur immer mehr in Vergessenheit gerät? Ähnliche Entwicklungen in religiöseren Gesellschaften sprechen dagegen … Und dennoch, Religion und vor allem Kirche mal beiseite, christliches Verhalten ist auch ohne Christentum möglich, Besinnlichkeit auch unabhängig von Weihnachten etwas Tiefsinniges. Also, lasst uns nicht nur froh und munter
sein, sondern auch mutig und gewillt, wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen, und lasst uns zumindest versuchen, den Nächsten zu »mögen« –
auch nach dem 26. Dezember!

Macht’s gut, Eure Lisa

InnovationInnen?!

In Zeiten der allgegenwärtigen Anglizismen wird man immer häufiger mit neuen Bezeichnungen für alte Phänomene konfrontiert. Dazu gehört »Gender Mainstreaming«, der Versuch, die Gleichstellung von Frau und Mann auf allen Ebenen zu erreichen. Meine Generation vergisst oft, was für ein harter Kampf und weiter Weg es war, uns Frauen Studium, Scheidung und Selbstständigkeit zu ermöglichen, Errungenschaften, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Was uns aber wohl auffällt, ist die Perversion der Gleichstellungsbestrebungen, die mit einer Vergewaltigung der Sprache einhergeht. Das Grauen hat einen Namen: Binnen-I. Aus »Studenten« wird »Studenten und Studentinnen«
wird »Student/innen« wird »StudentInnen « (= Binnen-I) wird immer öfter einfach »Studentinnen«. Und somit werden männliche Geschöpfe diskriminiert und wir sind kein bisschen besser als die Herren der Schöpfung. Optimal und geschlechtsneutral wäre übrigens »Studierende«, aber das lässt sich eben nicht auf jedes Wort anwenden. Sprache
funktioniert anders. Und es sei dahingestellt, ob ein derartiger Stilbruch Einstellungen über die Gleichstellung der Geschlechter ändert. Also, liebe ElterInnen und KinderInnen, es gilt an der Geisteshaltung zu arbeiten. Natürlich vermitteln wir unsere Denkweise (auch) sprachlich, das Binnen-I tut dies jedoch eher (ge)schlecht als recht. Und apropos recht:  Die  Rechtschreibreform kennt kein Binnen-I. In diesem Sinne, Sprache ist Macht, macht was draus und macht’s gut,
Eure Lisa

Findet Emo

Zum ersten Mal darüber gestolpert bin ich in einem Gespräch mit einer guten Freundin: »Mein kleiner Bruder entwickelt sich zu einem totalen Emo!«, meinte sie darin. Zu einem  WAS? Moooment! Jetzt lebe ich doch erst seit einem Jahr in Österreich – und kann schon nicht mehr mitreden?! Geduldig klärte sie mich darüber auf, dass »Emo« die Bezeichnung für einen neuen Modetrend unter Teenagern sei. Ich bin halt doch schon 24 … Abgeleitet wird »Emo« übrigens von »Emotional Hardcore«, einer Art Punkrock mit starkem Akzent auf Gefühlen.

… gut, Lisa, EMO und EMOtional liegen ganz rational gedacht auch wirklich  nah beieinander! Look und Lebenseinstellung vieler bekennender Emos sind düster gefärbt. Sie tragen dunkle Röhrenjeans und Accessoires wie Totenköpfe, ihr oft schwarz gefärbtes Haar lassen sie lässig ins Gesicht fallen. Innerlich tendieren viele junge Emos zu extremen Gefühlstiefs: von Trauer über Verzweiflung bis hin zu Selbstzerstörung. Sie reihen sich ein in die Riege der Gothics und Punks, bilden eine weitere »Schublade«, die Raum für kollektive Individualität schafft. Klar, das führt zu mehr (Selbst-)Sicherheit,  bietet eine Orientierungshilfe im oft orientierungslosen Dasein von Jugendlichen.

Und was lernen wir jetzt daraus? Emos sind keine Vögel. Und egal ob Emo oder nicht, EMOtional auffällig sind sicher alle jungen Menschen. Sie wollen gesehen werden. Also, Augen auf und hinschauen – wir sind umgeben von versteckten Botschaften, die eigentlich gefunden werden wollen.
Macht’s gut, Eure Lisa